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interdiurn #2: Agrarwende und Veggietag

Feb 13, 14 • Informationen, SliderKommentare deaktiviertRead More »

In der zweiten Ausgabe unseres Argumentationspapiers erörtern wir die Frage, wie der Veggietag zur Agrarwende beitragen kann. Die interdiurn erscheint unregelmäßig und erörtert Themen, Fragen und Missverständnisse rund um den Veggietag. Sie steht im illustrierten PDF-Format kostenlos zum ►Download zur Verfügung.
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Agrarwende und Veggietag

Ein Beitrag zur agrarkulturellen Wende


Die industrielle Landwirtschaft steht mehr und mehr in der Kritik. Seit Jahren fordern Umweltschützerinnen, Tierrechtlerinnen und Kleinbauern ein Umdenken in der deutschen und EU-Agrarpolitik. Für die Industrialisierung der Landwirtschaft mitverantwortlich ist ein viel zu hoher Konsum an tierischen Produkten. Der Veggietag kann die Agrarwende unterstützen.

Von Roy Schwichtenberg

Erneut nahmen im Januar knapp 30.000 Menschen an der Demo »Wir haben es satt« in Berlin teil – so viele wie noch nie zuvor. Kreativ und bunt zog der Demo-Zug vom Potsdamer Platz zum Regierungsviertel. Auf etlichen Bannern und selbstgestalteten Plakaten kamen die Forderungen der DemonstrantInnen zum Ausdruck: Abschaffung der riesigen Agrarfabriken und Verbot der Massentierhaltung. Mehr Klimaschutz in der Landwirtschaft. Förderung kleinbäuerlicher Betriebe. Unterbindung der Genforschung für den Lebensmittelanbau. Die Berliner Veggietag-Initiative schloss sich diesem friedlichen Umzug an. Denn zu vielen der genannten Forderungen kann ein fleischfreier Wochentag positiv beitragen.

Folgen der großindustriellen Landwirtschaft

Agrarwende heißt das Schlagwort, welches im Zusammenhang mit der Kritik an der bestehenden industriellen Landwirtschaft die einzelnen Forderungen bündelt. Erstmals tauchte der Begriff 2001 in politischen Debatten auf, nachdem – wen wundert es – der erste Fall von BSE bekannt wurde. Seitdem haben viele weitere Lebensmittelskandale die Kritik an einer auf großen Agrarfabriken basierenden Landwirtschaft erneuert.

Neben einer wesentlich erhöhten Gefahr der schnellen Ausbreitung von Krankheiten unter den Tieren bringt die Massentierhaltung weitere negative Folgewirkungen mit sich. Der immense Beitrag zur Treibhausgasemission ist hinlänglich bekannt. Zudem verschlingt die intensive Tierhaltung riesige Flächen, die vor allem für den Futtermittelanbau benötigt werden. Ein erhöhter Wasser- und Energiebedarf, Entsorgungsprobleme bei der in großen Mengen anfallenden Gülle sowie ein nahezu unvermeidbarer Masseneinsatz von Antibiotika sind nur einige wenige weitere Folgewirkungen. Doch nicht nur die industrielle Fleischproduktion steht in der Kritik. Bei der Demonstration im Januar 2014 stand besonders die geplante EU-Zulassung für genetisch veränderten Mais im Fokus.

Wie trägt ein Veggietag zur Agrarwende bei?

Grob gesagt lässt sich der Beitrag eines fleischfreien Wochentages zur Agrarwende auf die knappe Aussage zusammenfassen: Ein geringerer Konsum tierischer Produkte bedeutet, auf große Agrarfabriken verzichten zu können. Die Ursache für den Großteil der kritisierten Produktionspraktiken ist in einem übermäßigen Verzehr tierischer Produkte zu finden.

Da wäre in erster Linie der hohe Fleischkonsum in Deutschland. 2012 wurde laut dem aktuellen Fleischatlas die unvorstellbare Zahl von 754.339.000 Tieren in Deutschland geschlachtet. Über die Hälfte der Schweineschlachtungen wurden dabei von den drei größten Konzernen durchgeführt, etwa die Hälfte der Rinderschlachtungen von den fünf größten Konzernen. Derartige Vormachtstellungen sind nur denkbar, weil der hohe Bedarf an Fleisch nur durch eine intensive Massentierhaltung gedeckt werden kann. Kleinbäuerliche Betriebe haben es dagegen zunehmend schwer, sich auf dem Markt gegen die großen Agrarkonzerne durchzusetzen.

Dabei könnte bei einer Reduzierung des Fleischkonsums und einer Aufwertung der ökologisch nachhaltigen Landwirtschaft der Bedarf an Fleisch von kleinbäuerlichen Betrieben alleine abgedeckt werden. Im Gegensatz zu den großen Fleischfabriken, die meistens fernab der Wohngebiete stehen und nur von wenigen KonsumentInnen mit dem Fleisch auf dem Teller in Verbindung gebracht werden, würde damit auch eine transparentere Tierhaltung einhergehen. Gleiches gilt für die Gewinnung anderer tierischer Produkte als Fleisch.

Und was hat die Debatte um Genmais mit dem Veggietag zu tun? Weltweit wird auf einem Viertel der gesamten Getreideanbaufläche Mais gepflanzt. Ähnlich wie beim Sojaanbau wird ein großer Teil des geernteten Mais an Tiere verfüttert. Auch der zurzeit in der Diskussion stehende Genmais soll vorwiegend als Futtermittel Verwendung finden. Oftmals wird vergessen, dass eine hohe Fleischproduktion auch enorme Flächen für den Futtermittelanbau erfordert. Dadurch entsteht eine unnötige Konkurrenz um Nahrungsmittel – einhergehend mit einem massiven Kalorienverlust bei der Umwandlung von pflanzlichen in tierische Kalorien.

Ohne Zweifel muss die Reduzierung tierischer Produkte in unser aller Speiseplan auch mit einem gesteigerten Bewusstsein für das gesamte Spektrum einhergehen, das das Thema Ernährung umfasst. Dazu gehört ein größeres Interesse an der Herkunft der Lebensmittel, eine verbesserte Kenntnis über die Folgen der persönlichen Nahrungsaufnahme und die Wertschätzung des Essens, die gerade in den wohlhabenden Industrienationen wiedergewonnen werden muss. Das alles ließe sich mit einer kleinbäuerlichen Landwirtschaft, die auf Transparenz, Nachhaltigkeit und Regionalität setzt, wesentlich besser realisieren.

Ein Veggietag – institutionalisiert und in privaten Haushalten – kann selbstverständlich nicht die alleinige Lösung auf dem Weg zu einer agrarkulturellen Wende sein. Verstünde man den Veggietag fälschlicherweise als Legitimation, sechs Tage in der Woche guten Gewissens tierische Produkte konsumieren zu können, ließe sich dieser Bedarf weiterhin nur mit Agrarfabriken decken. Hinzu kommen dringend notwendige systemische Veränderungen, die unabhängig von einem Veggietag auf anderen Ebenen angegangen werden müssen.

Ein Fingerzeig aber wäre der Veggietag allemal. Die Agrarwende beginnt und endet nicht auf unser aller Teller – aber ohne einen Wandel unserer Ernährungsgewohnheiten ist sie auch nicht möglich.


Die interdiurn steht im PDF-Format kostenlos zum ►Download zur Verfügung.
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