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interdiurn #1: Bevormundung durch Veggietag?

Aug 8, 13 • InformationenKommentare deaktiviertRead More »

In der ersten Ausgabe unseres Argumentationspapiers gehen wir dem Irrtum auf den Grund, beim Veggietag handele es sich um eine unzulässige Bevormundung. Die interdiurn erscheint unregelmäßig und erörtert Themen, Fragen und Missverständnisse rund um den Veggietag. Sie steht im illustrierten PDF-Format kostenlos zum Download zur Verfügung.
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Bevormundung durch Veggietag?

Ernährung ist nicht nur Privatsache


Ein fleischfreier Wochentag tut niemandem Weh. Der Vorwurf der unzulässigen Bevormundung ist illegitim und basiert auf keinen annehmbaren Argumenten. Stattdessen muss endlich eingesehen werden, dass ein übermäßiger Fleischkonsum massive Belastungen für unsere Umwelt und soziale Ungerechtigkeiten mit sich bringt.

Von Regina Friedmann

Zahlreiche Medien reagierten diese Woche mit Kritik auf die Forderung aus dem Wahlprogramm der Grünen, in öffentlichen Kantinen einen fleischfreien Veggietag pro Woche einzuführen. „Politiker fordern Vegetarier-Tag in der Kantine. Die Grünen wollen uns das Fleisch verbieten!“ – so titelte BILD.de am 05.08.2013 zur institutionellen Durchsetzung eines vegetarischen Tages.

Die zentrale Befürchtung der Gegner lautet, dass es sich dabei um eine unzulässige Bevormundung der Bürgerinnen und Bürger in Bezug auf ihre Ernährungsweise handle. So äußerte auch ein Sprecher des von Ilse Aigner geführten Bundesernährungsministerium: „Wir halten generell wenig von Bevormundungen“. Die Berliner Veggietag-Initiative weist diesen Vorwurf entschieden zurück, da er auf einem missverstandenen Verständnis subjektiver Freiheit(srechte) basiert. Dies wird im Folgenden erläutert.

Einschränkungen der Konsum- bzw. Ernährungsgewohnheiten werden im Allgemeinen als unzulässige Bevormundungen wahrgenommen. Dabei gibt es durchaus Lebensbereiche, in denen staatliche Vorschriften zur individuellen Verhaltensregulation im eigenen Interesse breite Akzeptanz finden. Ein Beispiel hierfür ist die Anschnallpflicht. Tierschützerinnen und Tierrechtsverteter versuchen ihrem Anliegen gerne dadurch Nachdruck und Akzeptanz zu verleihen, indem sie auf die gesundheitlichen Vorteile einer fleischlosen Ernährung hinweisen.

Viel wesentlicher scheint jedoch in Bezug auf den Vorwurf der Bevormundung ein adäquates Verständnis liberaler Freiheitsrechte. Denn der Kern des liberalen Freiheitsgrundsatzes ist nicht zu verstehen als Aufforderung „Tue und lasse, was du willst“. Die persönliche Freiheit, an der staatliche und politische Eingriffe ihre Grenzen finden, ist vielmehr zu verstehen als Recht, selbstbestimmt zu leben, solange dabei nicht die Freiheiten und Grundrechte anderer eingeschränkt werden. Auch hierfür gibt es Beispiele aus anderen Lebensbereichen, in denen entsprechende Beschränkungen Akzeptanz finden, wie das Rauchverbot in öffentlichen Gebäuden zeigt.

In Bezug auf den hohen Fleischkonsum in Deutschland (durchschnittlich ca. 60kg pro Kopf pro Jahr, was ca. viermal so viel darstellt wie vor 150 Jahren), ist jedoch gerade nicht davon auszugehen, dass diese Bedingung erfüllt ist. Dies wiederum ist nicht erst bekannt, seitdem der Veganismus zum Trend geworden ist. Die daher rührende Verantwortung kann bzw. muss im Übrigen auch von denjenigen anerkannt werden, die Tieren den moralischen Status, der die Grundlage für die Zuschreibung individueller Rechte darstellt, absprechen. Denn der massive Fleischkonsum hat im Zuge seiner Produktionsbedingungen und Effekte weitreichendere Folgen als das von Tierrechtsvertretern wahrgenommene Unrecht der Tötung und Qual von Tieren zur Gewinnung fleischlicher Lebensmittel.

Darunter zu zählen sind die massiven Umweltbelastungen, mit denen die Massengewinnung von Fleisch verbunden ist und die wir an nachfolgende Generationen abwälzen: Der CO2-Ausstoß aus der globalen Viehzucht ist höher als der des gesamten Sektors Verkehr. Der Anbau von Monokulturen zur Futtermittelproduktion führt zu Bodenerosion und Verarmung der Böden. Da heimische Anbauflächen dafür nicht ausreichen, werden Regenwaldflächen zum Sojaanbau gerodet.

Dazu zählen auch Folgekosten der von zu hohem Fleichkonsum mitverursachten Volkskrankheiten, die wir ebenso über unsere sozialen Umlage und Versicherungssysteme auf nachfolgende Generationen übertragen.

Dazu zählen die Benachteiligungen von Menschen, die in den Sojaanbauländern leben. Dort unterhalten Fleischproduzenten riesige Soja-Monokulturen. An dem Gift, das Futtermittelproduzenten zur Erntesicherung sprühen, erkranken oder sterben ansässige Bewohner, die außerdem ihr Land zum wirtschaftlichen Anbau oder zur Subsistenzwirtschaft an diese Investoren verlieren.

Dazu gehören die Menschen, die unter Hunger leiden, weil globale Nahrungsgrundlagen im Wesentlichen in Form von Getreide für die Verfütterung in der Intensivtierhaltung genutzt werden. Dabei wird ein immenser Kalorienverlust in Kauf genommen, der dem jährlichen Bedarf von 3,5 Milliarden Menschen entspricht.

Die Aufzählung zeigt, dass es sich bei der Frage der Einschränkung des Fleischkonsums nicht um eine Frage der individuellen Lebensgestaltung handelt, sondern vielmehr um eine Frage globaler Gerechtigkeit, die mit weit größerem (politischem) Nachdruck verfolgt werden müsste.

Diese Argumentation impliziert, dass die Einführung eines Veggietags eine geeignete Maßnahme darstellt, dem hohen Fleischkonsum in Deutschland entgegenzuwirken. Eine institutionelle Umsetzung würde große Mengen an tierischen Produkten einsparen und würde mit einem Umdenken auch im privaten Bereich einhergehen.

Wie gezeigt stellt die Einführung eines Veggietags keine Bevormundung dar. Nicht jede Einschränkung ist als Verletzung der Selbstbestimmung zu sehen. Die Freiheit der individuellen Lebensführung stößt zudem dort an ihre Grenzen, wo die Grundrechte anderer berührt werden. Zu guter Letzt erweitert der Veggietag die Wahlfreiheit – insbesondere für Menschen, die auf Fleisch bzw. tierische Produkte verzichten wollen.

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